Was die Norm abdeckt und was nicht
ISO 27090 konzentriert sich auf Bedrohungen, die nur oder vor allem KI-Systeme treffen. Sie ordnet sie dem Lebenszyklus zu, beschreibt mögliche Folgen und zeigt Wege, Angriffe zu erkennen und abzuschwächen. Die Beschreibung der Norm bei ISO nennt ausdrücklich die Vergiftung von Trainingsdaten und den Diebstahl eines Modells über Abfragen, die wie normale Nutzung aussehen. Sie betont außerdem die Folgen in sicherheitskritischen Anwendungen.
Die allgemeine Informationssicherheit regelt die Norm nicht neu. Zugriffsschutz, Verschlüsselung, Protokollierung, Schwachstellenmanagement und Notfallvorsorge bleiben Sache von ISO 27001 und 27002. ISO 27090 setzt dort an, wo diese Maßnahmen für KI nicht reichen, etwa wenn ein Angreifer über Daten oder Eingaben das Verhalten eines Modells verändert, ohne einen Server zu übernehmen.
Auch Fairness, Transparenz oder die Folgen für Betroffene sind nicht ihr Thema. Dafür gibt es ISO 42001 mit Risikobeurteilung und Folgenabschätzung für KI und die KI-Verordnung der EU. Für Datenschutz bei KI erarbeitet ISO die Schwesternorm ISO 27091. Wer die Norm einführt, sollte diese Abgrenzung kennen, damit Zuständigkeiten nicht doppelt oder gar nicht verteilt werden.
Kosten und interner Aufwand
Die Norm selbst kaufen Sie bei ISO oder einer nationalen Normungsorganisation. Eine Zertifizierungsstelle brauchen Sie nicht, weil es kein Zertifikat gibt. Die Sightadel-Lizenz für ISO 27090: Preis auf Anfrage. Wer ISO 27001 oder ISO 42001 schon in Sightadel führt, nutzt Risikoregister, Maßnahmen und Nachweise weiter.
Der größte Posten ist Zeit von Fachleuten. Eine Bedrohungsanalyse für KI-Systeme lässt sich nicht allein im Informationssicherheitsteam erledigen. Sie brauchen Personen, die Modelle, Daten und Schnittstellen kennen: Entwicklung, Datenverantwortliche, Betrieb und bei zugekauften Diensten den Einkauf. Rechnen Sie je kritischem KI-System mit mehreren Arbeitssitzungen.
Teuer werden kann die Umsetzung technischer Maßnahmen, etwa zusätzliche Prüfungen von Trainingsdaten, Begrenzungen bei Abfragen oder Tests mit gezielt präparierten Eingaben. Hier lohnt es sich, nach Kritikalität vorzugehen und mit den Systemen zu beginnen, bei denen ein Angriff den größten Schaden anrichten würde. Wo Erfahrung fehlt, buchen Sie Beratung als Paket in der App dazu.
Verhältnis zur KI-Verordnung
Die KI-Verordnung der EU verlangt in Art. 15 für Hochrisiko-KI-Systeme ein angemessenes Maß an Genauigkeit, Robustheit und Cybersicherheit über den gesamten Lebenszyklus. Zu den genannten Angriffen gehören Datenvergiftung, Modellvergiftung, präparierte Eingaben zur Modellumgehung, Angriffe auf die Vertraulichkeit und Modellmängel. Das deckt sich weitgehend mit den Themen von ISO 27090.
Trotzdem ist die Norm kein Nachweis der Konformität. Sie ist keine harmonisierte Norm mit Fundstelle im Amtsblatt der EU und begründet damit keine Vermutung, dass Art. 15 erfüllt ist. Für die Cybersicherheit von KI-Systemen unter der Verordnung erarbeitet CEN-CENELEC eine eigene europäische Norm, die bisher als Entwurf vorliegt. Die Pflichten für Hochrisiko-Systeme gelten nach der Verschiebung von 2026 ab Dezember 2027 für eigenständige Systeme und ab August 2028 für KI in regulierten Produkten.
Ob Ihr System als Hochrisiko-System gilt und welche Pflichten daraus folgen, prüfen Sie gesondert, am besten mit Ihrer Rechtsberatung. Sightadel gibt dazu keine Rechtsberatung. Für die gesetzlichen Pflichten gibt es in Sightadel ein eigenes Framework zur KI-Verordnung, das Sie mit denselben Nachweisen führen.
Einbau in ISMS und KI-Managementsystem
Am wenigsten Aufwand entsteht, wenn Sie ISO 27090 als Wissensquelle für vorhandene Prozesse nutzen. In der Risikobeurteilung nach ISO 27001 ergänzen Sie für jedes KI-System die Bedrohungen aus der Norm. Die gewählten Maßnahmen landen im Behandlungsplan und, wo sie über Anhang A hinausgehen, als zusätzliche Maßnahmen in der Erklärung zur Anwendbarkeit.
Wer ISO 42001 betreibt, hat mit dem KI-Inventar bereits die Liste der Systeme, ihrer Zwecke und Verantwortlichen. Die KI-Risikobeurteilung dort fragt nach Risiken für Organisation und Betroffene. ISO 27090 hilft, den Teil zu gezielten Angriffen fachlich sauber zu füllen, statt ihn mit allgemeinen Sätzen zur IT-Sicherheit abzuhaken.
In Sightadel hängen Bedrohungen, Maßnahmen und Nachweise am jeweiligen KI-System. Dieselbe Maßnahme, etwa eine Prüfung der Herkunft von Trainingsdaten, verknüpfen Sie mit ISO 27001, ISO 42001 und der KI-Verordnung. So pflegen Sie sie einmal und sehen in jedem Framework, wo sie zählt. Im internen Audit prüfen Sie dann, ob die Maßnahmen für KI-Systeme so wirken wie geplant.
Typische Angriffe in der Praxis einordnen
Bei Datenvergiftung schleust ein Angreifer manipulierte Daten in das Training ein, damit das Modell später falsch oder in seinem Sinn reagiert. Relevant ist das vor allem, wenn Sie Modelle selbst trainieren oder nachtrainieren, etwa mit Daten aus dem Internet, von Kunden oder von Dienstleistern. Schutz bieten bekannte Quellen, Prüfungen vor dem Training und klare Rechte, wer Daten ändern darf.
Beim Modelldiebstahl stellt ein Angreifer viele Abfragen und baut aus den Antworten ein Modell nach, das sich ähnlich verhält. Betroffen sind vor allem Anbieter, deren Modell über eine Schnittstelle erreichbar ist. Ungewöhnliche Abfragemuster und Begrenzungen je Nutzer sind hier naheliegende Ansatzpunkte. Wer KI nur zukauft, hat mit diesem Angriff meist weniger zu tun.
Bei Systemen mit Sprachmodellen kommt Prompt Injection dazu: Anweisungen, versteckt in Eingaben, E-Mails oder Dokumenten, bringen das System dazu, Regeln zu umgehen oder Daten preiszugeben. Das trifft auch Unternehmen, die KI nur über einen Anbieter nutzen. Welche dieser Angriffe die Norm im Einzelnen beschreibt, entnehmen Sie dem Normtext. Sightadel enthält den Wortlaut nicht.
Dokumentation und laufender Betrieb
Da es kein Zertifikat gibt, schreibt niemand eine bestimmte Dokumentation vor. Sinnvoll und in Audits nach ISO 27001 oder ISO 42001 hilfreich sind eine Liste der KI-Systeme mit ihren schützenswerten Teilen, die Bedrohungsanalyse je System, die gewählten Maßnahmen mit Begründung und Belege, dass sie umgesetzt sind und wirken. Halten Sie fest, wer welche Bewertung wann vorgenommen hat.
KI-Systeme ändern sich schneller als viele andere Systeme. Ein neues Modell beim Anbieter, ein neuer Datensatz oder eine neue Schnittstelle kann die Bewertung ändern. Legen Sie fest, welche Änderungen eine erneute Analyse auslösen, und machen Sie die Prüfung zur festen Station bei Beschaffung und Freigabe. Nach einem Vorfall oder wenn ein neuer Angriff bekannt wird, prüfen Sie die betroffenen Systeme außer der Reihe.
In Sightadel laufen Neubewertungen, Prüfungen der Anbieter, internes Audit und Managementbewertung als wiederkehrende Zyklen mit Termin. Im Trust Center zeigen Sie Kunden, wie Sie KI-Systeme absichern, ohne für jede Anfrage neue Unterlagen zusammenzustellen.